Nie wieder

Gut. Dann ist das halt so. Wir haben uns über AfD, Pegida und alles, was in den letzten Jahren wieder Fuß gefasst hat, lustig gemacht. Wir haben sie beschimpft, beleidigt, sie durch den Kakao gezogen.

Aber lasst mich von vorne anfangen. Ja, es ist frustrierend, wenn es an Arbeitsplätzen fehlt, wenn Ortschaften den Bach runtergehen, vergessen werden und eigentlich schon tot sind. Wenn sich die Welt um dich herum ändert und nicht mehr so ist wie vor 20 Jahren. Wenn die Sicherheit, das Exoskelett von Verlässlichkeit und berechenbaren Positionen, von Freund und Feind Stück für Stück wegbröckelt.

Dies alles passiert aber nicht erst seit zwei Jahren. Auch nicht seit fünf, sechs oder zehn Jahren. Es hat seinen Grund nicht in Flüchtlingen, bei der IS, der EU, dem Euro oder der Globalisierung. Diese Prozesse gibt es schon seit Jahrhunderten. Und seit ebenso langer Zeit gibt es unterschiedliche Weisen, wie man damit umgehen kann. Die einen versuchen, einen Weg zu finden um sich neuen Situationen anzupassen und Lösungswege zu finden. Zukunftsorientiert nennt man das.

Dann gibt es Leute, die den Status quo von Früher wieder herstellen möchten. Alles weg, was sich geändert hat oder neu dazugekommen ist. Die Zeit zurückdrehen. Die Vergangenheit in einem verklärten Blick mit Bilitis-Weichzeichner sehen. Das sind die ewig Gestrigen.

Mit der ersten Sorte Mensch kann man diskutieren, Lösungsansätze finden und sich auseinandersetzen. Sie wissen, dass einige Dinge nie wieder so sein werden, wie es mal war, aber dass man es anders machen kann, machen MUSS.

Bei der zweiten Art wird es kompliziert. Eigentlich WOLLEN sie keine neuen Lösungen. Sie wollen das altbewährte zurück. Das, was sie kennen, wo sie sich wohlfühlen. Auch, wenn es scheiße war. Scheiße, aber vertraute Scheiße. Wenn nun jemand kommt, und ihnen genau das verspricht (Stichwort: „Ich kann Tote auferwecken“, aber dazu komme ich noch), wird das allzu gerne für bare Münze genommen und – haste nicht gesehen! – werden die griffigen Parolen mitgegrölt. Wenn dann auch noch ein oder zwei Sündenböcke für die aktuelle Situation gefunden werden – perfekt!

Hier hat man es schwer, mit Argumenten und Gesprächen gegenzusteuern. Denn jegliche Argumentation von außen läuft ja immer darauf zu, dass sich die Umstände geändert haben, und das möchte man nicht hören oder wahrhaben.

Im Grunde haben wir es hier mit einer Art Trauerprozess zu tun. Auch bei Trauernden gibt es unterschiedliche Arten, diese zu verarbeiten. Einige trauern leise, andere überwinden die Trauer schnell. Und dann gibt es ein paar, die auf Scharlatane hereinfallen. Die Scharlatane, die mit Verstorbenen Kontakt aufnehmen oder sie gar wiederkehren lassen wollen. Dass man hier sehr schnell auf die Esoterikschiene abdriftet, muss ich nicht explizit erläutern.

Es mag Personen geben, die Argumentation gegenüber aufgeschlossen sind. Ein großer Teil jedoch kann nicht zuhören, weil der Prozess des Abdriftens schon so weit fortgeschritten ist, dass er mit Gesprächen nicht erreicht werden kann (Spezialisten können dies, ich weiß. Als Durchschnittsmensch hat man allerdings kaum Chancen.) Man fühlt sich wohl im Kreise Gleichgesinnter, und die Sicherheit von Früher ist wieder da. Das Gefühl von Stärke ist seit Jahren weg gewesen, die Gemeinschaft der Parolenschreier gibt es einem wieder zurück. Warum sollte ich zuhören? Ich habe meinen Weg gefunden. Er verspricht mir das, was ich erhoffe und es geht mir gut dabei.

Diese Leute waren niemals Ziel von Beleidigungen oder Verspottung. Denn das sind diese: die Anführer, die Scharlatane.

Hier erübrigen sich Gespräche oder Argumentationen, da die Intention eine völlig andere ist als die derjenigen, die um Vergangenes trauern. Hier handelt es sich um kriminelles Volk, das mit den niederen Mitteln Rassismus und Nationalismus die Anhänger lenkt. Was daraus werden kann, sollten wir gut genug wissen. Diesen Leuten wurde und wird (auch und insbesondere in der Öffentlichkeit) die Gelegenheit gegeben, sich Argumenten zu öffnen. Ich kann nicht sehen, dass hier die Gespräche ein Ende gefunden hätten. [Außer, sie werden beendet, indem man das Studio verlässt. Aber das ist ein anderes Schauspiel…]

Ja, auch ich habe mich darüber lustig gemacht. Wahrscheinlich, weil die Sache dermaßen ernst ist, dass man ihr nur noch mit Humor und Sarkasmus begegnen kann, um nicht verrückt zu werden. Man hat das Gefühl, man schreit und warnt von der Gefahr, und niemand von denen, die es angeht, hört. Auch ich bin frustriert. Weil ich zukunftsorientiert bin, und derzeit sehe ich eine Zukunft, die von Zombies aus der Vergangenheit beherrscht wird, die wir eigentlich nie wieder sehen wollten.

Nie wieder!

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